Marko Faber,  Tuba und Fagott   
    

Im Jahre 1988 gab es nicht nur zwei Achten, sondern auch zwei Reisen für unser  
Orchester, die  sehr erlebnisreich waren, von denen ich aber dennoch in etwa so  
viel Erinnerungen habe wie an einen Traum eine Stunde  nach  dem  Aufwachen  
und  an  die  ich  mich daher in einer  Art  Brainstorming  mittels  Schlagwörtern
herantasten möchte:

1.) Reise nach Warschau:
Da war jener lustige Reiseleiter, der sagte: „Mein Name ist Spížek“und uns alle im
Chor nachsprechen ließ: „Sbuisheck!“ Da war der alte und schon etwas gebrechliche
Flügel in einem Raum unserer Unterkunft, auf dem einige Versionen von „Flohwalzer“,
„Für Elise“ und „Ballade pour Adeline“ erklangen. Da waren die polnischen Zigaretten,
die wir Jugendlichen  kollektiv  heimlich rauchten. Da  war das Fernsehteam, das auf  
Grund  eines  organisatorischen  Problems  nur unsere Probe filmte. Da war die
„Rosamunde“, die wir mit diplomatischem Geschick vermeiden wollten und die
plötzlich in einer Gaststätte gewünscht wurde.
Da waren die zwei riesigen Bisons in einem Park, die irgendwie ein paar Nummern  
größer waren als die bescheidenen, gewohnten Wisente des Berliner Tierparks. Da war
der falsche (und laut Reiseleiter noch nicht existente) Eine-Million-Słoty-Schein, der für
einen echten 100-Mark-der- DDR-Schein eingetauscht worden war.
 
2.) Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt
Da war die Original-Kassette von Depêche Mode „Music for the Masses“, die Meister  
Pajong  aus  dem  Westen  bekommen  hatte. Da war das altehrwürdige Schulhaus von
Ehrenfriedersdorf, in dessen Klassenräumen wir Pritsche an Pritsche kollektiv nächtigten.
Da war das Schwimmbad mit dem Zehn-Meter-Turm, von dem nicht nur unser jüngstes
Mitglied, die Kerstin,  sprang  (und  Feiglingen  wie mir  was vormachte). Da war das
Wunder, dass es im Bezirk Karl-Marx-Stadt noch Stieleis gab. Da war die um mindestens  
einen  Takt  verzerrte  Akustik beim Vorbeimarsch des gewaltigen  und  ausgedehnten  
Klangkörpers  des  Bezirksmusikkorps Berlin der FDJ an der Ehrentribüne,  ein Problem,
das bei dieser Art Veranstaltungen immer wieder provoziert wurde. Da war der doppelte
Zwangsstopp  auf  dem  Rückweg  durch  die  Reifenpanne  unseres  Busses  und  die
anschließende Sperrung der Autobahn.
Da waren die Staatslimousinen mit unserem ersten Mann im Staate Erich Honecker,
die an uns vorbeirasten und die Sicherheits-Leute, die in den Gebüschen hockten.
 
Zur weiteren Erklärung: Ich habe damals Flügelhorn gespielt, und eine politische Wende
war noch lange nicht in Sicht, aber ich war auch 17, unheimlich verliebt und hatte daher
ganz andere Sorgen, als es mit dem
sozialistischen Zweck unserer Musik allzu genau zu nehmen. Heute ist vieles anders:
der Staat, eine Frau an der Spitze der Regierung, der Name von Karl-Marx-Stadt, die
Trägerschaft unseres Orchesters, neue junge Mitglieder, die damals noch gar nicht
geboren waren, meine Instrumente und sogar die Musik und die Liebe, aber neben den
Erinnerungen ist eines unzweifelhaft so geblieben: Musik & Liebe sind immer noch die
schönsten Dinge in meinem Leben. Und ich möchte um einen echten Eine-Million- Słoty
Schein wetten, dass das für einige andere auch so zutrifft :-)